Qualitative Jugend(sozial)arbeit

„Mir erschließt sich nicht, warum wir den Personalkostenzuschuss für die Jugendarbeit aus unserem klammen Haushalt bezahlen sollen. Wieso geht das nicht ehrenamtlich, das kann doch eigentlich jeder!“

Diese Aussage eines brandenburgischen Kommunalpolitikers im Rahmen einer Haushaltsdebatte ist kein Einzelzitat. Der finanzielle Aufwand für die Bereitstellung der Angebote der Jugendarbeit ist vielfach die entscheidende Größe, die dafür sorgt, dass sich die politischen Gremien insbesondere auf der kommunalen Ebene mit dem Arbeitsfeld kritisch auseinandersetzen. Häufig schwingt in diesen Debatten Grundmisstrauen gegenüber der Wirksamkeit der Jugendarbeit mit. Es werden Fragen zu Ergebnissen, Zielerreichungsgraden und dem Nutzen der öffentlich finanzierten Angebote fokussiert. Fatalerweise können angesprochene Akteur*innen der Jugendarbeit selten mit treffenden Antworten überzeugen. Beide Verhaltensweisen legen den Verdacht nahe, dass es sich bei der Jugendarbeit möglicherweise doch um ein aus der Zeit gefallenes Angebot handelt. Anlass, um an dieser Stelle einen kurzen Blick auf die Potenziale jugendarbeiterischer Maßnahmen sowie ihre tatsächlichen Wirkungen zu richten.

Jugendarbeit in der “Rechtfertigungs-Endlosschleife”

Im Vergleich zu den Leistungsbereichen der Kinder- und Jugendhilfe, die auf einem subjektiven Rechtsanspruch basieren, wie die Hilfen zur Erziehung und die Kindertagesbetreuung, scheint in kommunalpolitischen Kontexten das Missverständnis zu herrschen, Jugendarbeit sei in ihrer offenen und freiwilligen Arbeitsweise ein Angebot auf einem "geringeren pädagogischen" Niveau. Es wird angenommen, dass das Sicherstellen von Öffnungszeiten in Jugendfreizeiteinrichtungen, deren Kultur- und Freizeitangebote zumeist selbstorganisiert durch junge Menschen genutzt werden, keine besondere Qualifikation voraussetze. Doch insbesondere die pädagogischen Angebote, die ein partizipativ und damit eng an den Lebenswelten junger Menschen entwickeltes Leistungsspektrum der außerschulischen Bildung, der Persönlichkeitsentwicklung, der Wertevermittlung und der Aneignung von Gesellschaft vorhalten wollen, erfordern ein hohes Maß an Wissen sowie strategischer und methodischer Kompetenz, um Wirkungen zu erzeugen.

Wirkungen beschreiben heißt Veränderungen beschreiben

Im Gegensatz zu Leistungen (Outputs) sind Wirkungen Veränderungen, die mit der pädagogischen Tätigkeit erreicht werden. Diese Veränderungen können insbesondere bei der Zielgruppe (junge Menschen) und deren Lebensumfeld auf der Ebene der Fähigkeiten, des Verhaltens und der Lebenslage (Outcomes) bzw. auf der der Gesellschaft (Impacts) beschrieben werden (PHINEO gAG 2015: 5).

Angebote der Jugendarbeit stellen demnach Leistungen dar, die die Voraussetzungen dafür schaffen, sodass Veränderungen überhaupt ermöglicht werden. Zwar kann nicht in jedem Fall davon ausgegangen werden, dass zwischen Leistung und Wirkung ein monokausaler Zusammenhang besteht; der qualitative Anspruch der Jugendarbeit muss darin bestehen, Prozesse und Abläufe so zu gestalten, dass die angestrebten Wirkungen wahrscheinlich erreicht werden.

Eine Praxis auf der Grundlage dieser Handlungslogik widerlegt das Vorurteil, dass Jugendarbeit nur zum eigenen Selbstzweck bestünde. Auf der Grundlage ihres im § 11 SGB VIII formulierten Auftrages - junge Menschen „zur Selbstbestimmung befähigen und zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und zu sozialem Engagement anregen“ - ist sie in der Lage, für den jeweiligen Sozialraum konkrete Wirkungsziele zu formulieren. Professionelle Jugendarbeit definiert Indikatoren, anhand derer sie selbst beobachtet, ob die geplanten Maßnahmen Wirkungen erzielen. Sie ist in der Lage, "Nicht-Fachleuten" in Kommunalpolitik und Verwaltung die Veränderungen zu beschreiben, anhand welcher sich die Wirkung ihrer Angebote zeigt. Und sie verfügt über Analysekompetenz und Selbstbewusstsein, um gegebenenfalls nicht eingetretene Wirkungen zu reflektieren, zu begründen und die erlangten Erfahrungen bei der Planung weiterer Angebote zu berücksichtigen.

Nicht selten erschöpft sich die Praxis der Zieldefinition in Angeboten der Jugendarbeit jedoch in den folgenden Parametern:

  • Das Angebot ist bei den Zielgruppen bekannt.
  • Die Zielgruppen nehmen das Angebot wahr.
  • Die Zielgruppen sind mit dem Angebot zufrieden.

Diese Zieldefinition sind weder Grundlage, um die eigenen Angebote tatsächlich zu planen, zu verdeutlichen, welche Veränderungen mit den Angeboten beabsichtigt sind, noch um die Qualität der eigenen Leistung zu überprüfen. Wenn Jugendarbeit einen authentischen Eindruck ihrer wichtigen Leistungen und Wirkungen vermitteln möchte, muss sie wie andere soziale Dienstleistungen zielgruppen- und gesellschaftsspezifische Veränderungen in den Blick nehmen und formulieren. So kann Jugendarbeit mit gut durchdachten und an den regionalen Rahmenbedingungen angepassten Konzepten von ihrer Notwendigkeit überzeugen, indem sie erlebbare Wirkungen erzielt.

Was gute Jugendarbeit bewirkt

Das Wirkungsspektrum der professionellen Jugendarbeit ist enorm. Abhängig von den jeweiligen sozialräumlichen Bedarfen und den eigenen Zielstellungen kann sie:

  • jungen Menschen demokratische und rechtsstaatliche Grundwerte vermitteln und sie dazu befähigen, ein erfülltes, gemeinschaftsfähiges Leben in dieser Gesellschaft zu führen.
  • junge Menschen dabei unterstützen, sich ihre gegenwärtige und künftige Lebenswelt durch Kenntnisse der regionalen Kultur, Natur, Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Geschichte sowie einem verantwortlichen Umgang mit Medien, Informationen und dem Konsumangebot zu erschließen.
  • junge Menschen in ihrer geistigen, sozialen und körperlichen Entwicklung fördern und ihre Resilienz gegenüber Gefährdungen stärken.
  • das interkulturelle Zusammenleben auf der Grundlage der europäischen Kultur- und Wertegemeinschaft fördern und junge Menschen durch die Vermittlung von Kulturtechniken bei der Integration in das bestehende gesellschaftliche Gefüge unterstützen. Vor allem im Hinblick auf die aktuellen Debatten um die Integration von zugewanderten und geflüchteten Menschen und die Bedrohung durch rassistisch, politisch und religiös motivierten Radikalismus leistet Jugendarbeit einen wichtigen Beitrag zum Erwerb interkultureller Kompetenzen, zur Fähigkeit Konflikte friedlich zu lösen und zur Stärkung von Alltagsdemokratie.
  • die inklusive Gestaltung sowie den sozialen und kulturellen Zusammenhalt unserer Gesellschaft befördern, indem sie jungen Menschen frühzeitig Erfahrungen mit Gleichaltrigen unterschiedlicher sozialer und kultureller Hintergründe ermöglicht.
  • als Bestandteil der Infrastruktur für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsen als positiver Standortfaktor wirken und somit die Attraktivität von Kommunen als Wohnort für Familien erhöhen.
  • als ein bedeutender Kooperationspartner den Ausbau ganztägiger Bildungsangebote sowie die Gestaltung regionaler Bildungslandschaften befördern.

Allerdings fallen Wirkungen nun leider nicht vom Himmeln, sondern setzen professionelles Planen, Gestalten und Evaluieren voraus. Notwendig ist der Einsatz von an den Strukturen des Arbeitsfeldes orientierten Instrumenten der Qualitätssicherung.

Wirkung braucht ein professionelles Qualitätsverständnis

Leider lösen Wortkombinationen mit dem Bestandteil „Qualität“ im Arbeitsfeld Jugendarbeit zumeist immer noch Widerstände aus. Fachdiskussionen um das Qualitätsmanagement in der Jugendarbeit werden mitunter aus Haltungsgründen öfter jedoch vor dem Hintergrund negativer Erfahrungen abgelehnt. In der Zusammenarbeit mit Verwaltungen wird der Begriff der Qualitätsstandards oft missbräuchlich verstanden. Zum Einsatz kommen keine die Qualität von Jugendarbeit beschreibenden und sichernden Indikatoren, sondern zumeist eine Reihe von Festlegungen, die eine vermeintlich einfache Prüfung und Verwaltung der Angebote der Jugendarbeit im Hinblick auf planerische - vor allem quantitative – Vorgaben ermöglichen soll.

Dieser Einsatz von pauschalen Qualitätsstandards als Prüfungsraster ist unbedingt kritisch zu bewerten. Eine professionelle Qualitätsorientierung in der Jugendarbeit meint jedoch nicht die alleinige Einführung von Qualitätsstandards.

Eine professionelle Qualitätsorientierung in der Jugendarbeit setzt am wirkungsorientierten Denken als Werkzeug und Gestaltungsmittel von Jugendarbeitern*innen in ihren Arbeitszusammenhängen an. Ein auf die Strukturen der Jugendarbeit angepasstes, partizipativ mit Mitarbeiter*innen und Zielgruppe entwickeltes Qualitätsmanagementsystem eröffnet Möglichkeiten, der Weiterentwicklung und Sicherung des Trägers, seiner Fachkräfte und der Angebote. Im Vordergrund steht nicht die Etablierung einer bestimmten formalen Norm, sondern die Implementierung von Qualitätsselbstverständnis.

Fazit

Das SGB VIII begründet Jugendarbeit als bedeutenden gesellschaftlichen Akteur, der junge Menschen zur Selbstbestimmung befähigt und zur gesellschaftlichen Mitverantwortung hinführt. Eine Realisierung dieses großen Anspruchs benötigt verlässliche Rahmenbedingungen. Aber vor allem auch die fachliche Kompetenz, Verfahren dafür zu entwickeln, die eigenen Angebote im kontinuierlichen Qualitätsdialog mit jungen Menschen, Verwaltung und Politik zu planen, zu reflektieren und kontinuierlich dynamisch anzupassen. Dies vor dem großen Ziel, tatsächlich Wirkungen zu erzielen und den öffentlichen Raum von Qualität und Wirkung der Jugendarbeit zu überzeugen. Dazu braucht es Wissen um Konzepte des Qualitätsmanagement, die Bereitschaft sich konstruktiv mit diesen auseinanderzusetzen und die Kompetenz, vorhandene Konzepte so auf die eigenen Arbeits- und Organisationsstrukturen anzupassen, dass es gelingt, Abläufe und Prozesse wirkungs- und qualitätsorientiert zu konzipieren und darzustellen.

Literatur

PHINEO gAG (2015): Kursbuch Wirkung, Berlin, 3. Auflage