Standortfaktor Jugend(sozial)arbeit

Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit sind Arbeitsfelder der Kinder- und Jugendhilfe mit großer Bedeutung insbesondere für Städte und Gemeinden, da sich ihre Wirkungen zuallererst in den Kommunen niederschlagen. Jugend(sozial)arbeit kann dann Standortfaktor sein, wenn sie nachweisbare Wirkungen erzielen. Anderenfalls besteht die Gefahr, dass sie ausschließlich als Kostenfaktoren wahrgenommen werden.

Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit verfolgen - sieht man von dem oberflächlichen Gedanken von „Spiel, Spaß und Geselligkeit“ bei der Jugendarbeit und dem Auftrag der Krisenintervention bei der Jugendsozialarbeit ab - unter anderem das Ziel, Kinder und Jugendliche zur Selbstbestimmung sowie zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und Mitgestaltung zu motivieren und zu befähigen. Junge Menschen (bis 27 Jahren) bei der Persönlichkeitsbildung und der Entwicklung sozialer Kompetenzen zu unterstützen sowie ihre Eigenverantwortung und ihr soziales Engagement in der Gesellschaft zu fördern, sind Kernelemente der jugendpädagogischen Tätigkeit. Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit stärken die Kompetenzen von Kindern und Jugend-lichen, die für das Hineinwachsen in eine moderne Gesellschaft, die auf Aktivität, Präsenz und Mobilität aufgebaut ist, notwendig sind und verringern zugleich Barrieren, die gesellschaftliche Teilhabe behindern. Diese Arbeitsfelder helfen also, Persönlichkeiten von Menschen zu entwickeln, die Gesellschaft allgemein und kommunale Gesellschaft speziell gestalten und prägen sollen. Dabei bedarf es verschiedener Institutionen, die zielgruppengerecht (lebensweltorientiert) Neigungen und Ressourcen ermitteln, Initiativen setzen und letztlich Mittler zwischen diversen Interessengruppen im Gemeinwesen darstellen. Geht man also von einer grundsätzlichen demokratischen Verfasstheit unseres Gemeinwesens und mithin der Städte und Gemeinden aus, sind Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit positive und förderliche Standortfaktoren, um oben Beschriebenes umzusetzen.

Eine weitere Stufe, sich der Wirkung von Jugend(sozial)arbeit als Standortfaktor zu nähern, besteht in der Suche nach Möglichkeiten der Verbindung eigener Ziele und Kompetenzen mit Entwicklungszielen der jeweiligen Kommunen. Die Städte und Gemeinden setzen sich in strategischen Planungen und Leitbildern Entwicklungsziele, die möglicherweise nicht auf den ersten Blick Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit berühren. Vielmehr müssen die Akteur/-innen der Kinder- und Jugendarbeit selbst Möglichkeiten identifizieren und manifestieren, sich mit ihren Aktivitäten, Angeboten und Leistungen im Zielsystem der kommunalen Leitbildentwicklung zu verorten. Das geschieht nicht aus einer Position des blanken Opportunismus heraus, sondern dient der Absicht, das eigene Potential für die langfristige Entwicklung von Städten und Gemeinden zu identifizieren und dessen Würdigung auch in Anspruch zu nehmen. Grundsätzlich bieten sich (mindestens) vier Denkkorridore für ein Arrangement zwischen Entwicklungszielen von Städten und Gemeinden einerseits und Jugend(sozial)arbeit andererseits an:

Bürgersinn und Bürgernähe

Maßnahmen der Jugend(sozial)arbeit sind keine Geschenke oder Würdigungen, sondern als Angebote (Leistungen) an Bürger/-innen - damit sind auch Kinder und Jugendliche gemeint - zu verstehen, die vor dem Hintergrund ihrer Lebenslagen selbstbewusst auswählen, was sie nutzen möchten und sie befördert. Dabei ist es notwendig, höchstmögliche Transparenz zu entwickeln und auf Nutzer/-innen zuzugehen, ihnen die besten Chancen zu vermitteln, Angebote auch annehmen zu können.

Bürgersinn und Mobilisierung

Kern einer progessiven Entwicklung von Städten und Gemeinden ist die Stärkung eines selbstbewussten Bürgertums. Dafür gilt es, ein optimales Maß an Partizipation der verschiedenen Zielgruppen zu ermöglichen. Anliegen ist es, sich stark und authentisch mit der Kommune verbinden und identifizieren zu können, indem es gelingt, mindestens Teile der eigenen Lebenswelt aktiv mitzugestalten. Es muss also verstärkt darum gehen, Menschen zu motivieren und zu befähigen, sich für ihre Belange, für ihr eigenes Lebensumfeld zu interessieren und einzusetzen.

Kooperation statt Konkurrenz

Die Entwicklung vieler Städte und Gemeinden ist getragen von den Ergebnissen der Zusammenarbeit verschiedener Akteur/-innen aller gesellschaftlichen Zusammenhänge. Kooperation wird als Stärke begriffen, die unter verschiedenen Bedingungen zu optimalen Ergebnissen führen kann. Konkurrenz hingegen kostet Energie und verhindert Synergie. Kooperation ist effektiv und bringt die Kommune voran.

Toleranz und Offenheit

Die Geschichte etlicher Städte und Gemeinden ist eine Dokumentation kultureller Vielfalt. Aus diesen Traditionen heraus - und nicht allein aus aktuellen politischen Bezügen - erwächst die Verpflichtung für Jugend(sozial)arbeit, das gesellschaftliche Leben der Kommunen einerseits und - an den Stellen, an denen das möglich ist - das individuelle Leben der Adressaten/-innen andererseits so zu gestalten, dass Vielfalt und Toleranz zu den als normal und wünschenswert empfundenen Zuständen gehören. Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit können also dazu beitragen, eine Atmosphäre in Städten und Gemeinden zu schaffen, in denen Energie in Entwicklung investiert werden kann.

 


 
Hintergrund

Als klassische Leistung der Kinder- und Jugendhilfe ist die Jugend(sozial)arbeit auf Bundesebene im SGB VIII geregelt und zielt darauf ab, allen Jugendlichen Möglichkeiten der Freizeit, der persönlichen Entwicklung, des außerschulischen Lernens und der Begegnung zu sichern. Sie ist ausgerichtet auf Autonomie, Partizipation, Persönlichkeitsentwicklung, soziale Kompetenz, Bildung, Integration / Inklusion und interkulturelle Öffnung. Grundlegende Arbeitsprinzipien sind Offenheit, Freiwilligkeit, Niedrigschwelligkeit, Beziehungsarbeit und Mitbestimmung. Eine an diesen Merkmalen orientierte Jugend(sozial)arbeit kann mit gut durchdachten, an den regionalen Bedarfen und Strukturen angepassten Konzepten weitreichende gesellschaftliche Wirkungen erzielen und unter anderem folgende interpersonalen und kommunalen Effekte erzielen:

  • Sie vermittelt jungen Menschen demokratische und rechtsstaatliche Grundwerte und befähigt sie, ein erfülltes, gemeinschaftsfähiges Leben in dieser Gesellschaft führen zu können.
  • Sie bietet Räume und Möglichkeiten der gemeinschaftlichen Selbstorganisation, um selbstbestimmtes Handeln zu erlernen, altersentsprechende Formen der Mitwirkung zu erproben und dabei zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und zu sozialem Engagement anzuregen.
  • Sie unterstützt junge Menschen, sich ihre gegenwärtige und künftige Lebenswelt durch Kenntnisse der regionalen Kultur, Natur, Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Ge-schichte sowie einem verantwortlichen Umgang mit Medien, Informationen und dem Konsumangebot zu erschließen.
  • Sie fördert junge Menschen in ihrer geistigen, sozialen und körperlichen Entwicklung, schützt sie vor Gefährdungen und stärkt ihre Resilienz gegen solche Gefährdungen.
  • Sie fördert Solidarität und Toleranz in internationalen und interkulturellen Begegnungen auf der Grundlage der europäischen Kultur- und Wertegemeinschaft. Durch die Vermittlung von Kulturtechniken kann sie jungen Menschen bei der Integration in das bestehende gesellschaftliche Gefüge unterstützen.
  • Sie befördert die inklusive Gestaltung sowie den sozialen und kulturellen Zusammenhalt unserer Gesellschaft, indem sie jungen Menschen frühzeitig Erfahrungen mit Gleichaltrigen unterschiedlicher sozialer und kultureller Hintergründe ermöglicht.
  • Vor allem im Hinblick auf die aktuellen Debatten um die Integration von zugewanderten und geflüchteten Menschen und die Bedrohung durch rassistisch, politisch und religiös motivierten Radikalismus kann Jugendarbeit einen wichtigen Beitrag zum Erwerb interkultureller Kompetenz, zur Fähigkeit, Konflikte friedlich zu lösen und zur Stärkung von Alltagsdemokratie leisten.
  • Als Bestandteil der Infrastruktur für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsen wirkt sie als Standortfaktor und erhöht die Attraktivität von Kommunen als Wohnort für Familien.
  • Sie ist ein bedeutender Kooperationspartner beim Ausbau ganztägiger Bildungsangebote und bei der Gestaltung regionaler Bildungslandschaften, insbesondere in ländlichen Regionen.
  • Die Jugendarbeit birgt zudem Potenziale, um Einzelfallhilfen zu entlasten.